Das Märchen von der Avocado 

Gesunde Fette, feinster Geschmack und lang anhaltende Sättigung: Die Avocado ist nicht ohne Grund zum Trendobst geworden. Dank ihrer ungesättigten Fettsäuren, wertvollen Mineralstoffen und Vitaminen in hoher Konzentration wird die Frucht einerseits als vegane und gesunde Energiequelle von Ernährungswissenschaftlern gelobt, andererseits aufgrund ihrer geschmacklichen Intensität immer öfter gekauft. Österreich importiert mittlerweile pro Jahr mehr als 7.600 Tonnen Avocados.

Die Affinität der Österreicher und Europäer zur Butterfrucht hat jedoch auch ökologische Konsequenzen. Die Folgen des Booms in den Anbaugebieten sind oft illegale Rodung von Waldgebieten, immenser Wasserverbrauch und tiefgreifende Einschnitte in das soziale Gefüge. Der CO²-Abdruck einer einzigen Avocado ist hoch. Überwiegend werden sie aus Süd- und Nordamerika per Flugzeug nach Europa transportiert. Was kann man deshalb als umweltbewusster Avocado-Liebhaber tun, um die Belastung für Natur und Mensch möglichst gering zu halten?

Lukas Staindl

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Lukas Staindl

Von der Plantage nach Europa: Ein intensiver Weg

Der Weg von der Plantage bis zum Supermarkt erfolgt in der Regel dank hohem Stromverbrauch und jeder Menge Kerosin sehr reibungslos. Die größten Produzenten sind derzeit primär Mexiko, es folgen die Dominikanische Republik, Peru, Indonesien und Kolumbien. Das sind tausende Kilometer, die es für die Butterfrucht zu überbrücken gilt.

In den vergangenen Jahrzehnten professionalisierte sich das Geschäft mit der Avocado stark. Das verändert Qualität, aber auch eben den CO²-Fußabdruck spürbar. Die Früchte werden von den Bäumen geerntet, um unmittelbar in bereits gekühlte Boxen zu wandern. Oftmals fahren LKWs tausende Kilometer durch das Landesinnere, bis sie auf ein Containerschiff geladen werden. Hier muss alles stimmen, um die Qualität der Ware zu gewährleisten: Temperatur konstant bei 6 Grad Celsius, Luftfeuchtigkeit und CO²-Konzentration werden ebenfalls ständig überprüft. Schon vor der Ankunft im europäischen Hafen hat eine einzelne Avocado ein Vielfaches an CO²-Fußabdruck als die meisten anderen exotischen Früchte. 

Die richtige Luft und Temperatur ist aber nicht die einzige Anforderung, mit der sich Avocado-Händler beim Transport konfrontiert sehen. Die Früchte haben eine weiche Schale, dürfen deshalb keinen Stößen ausgesetzt sein. Die Folge ist ein großes Verpackungsaufwand. Das erhöht den Plastikverbrauch und wiederum den CO²-Fußabdruck.

Avocado Plantage bei Sonnenuntergang

Unreife Ankunft in Europa

Die Avocado im CO²-Fußabdruck-Vergleich

Unreife Ankunft in Europa

Die Avocados kommen in Europa jedoch unreif an. Sie verlagert man deshalb erst einmal in spezielle Reifekammern. Hier reifen sie durch das Gas Ethen nach. Das ist in geringen Mengen für den Menschen unschädlich. Zum Beispiel wird es auch von Äpfeln ausgestoßen, weshalb man sie nicht gemeinsam mit Bananen an der gleichen Stelle lagern sollte. Im Schnitt bleibt die Avocado ungefähr sechs Tage in den Kammern, bevor es wieder in die Außenwelt geht. Die Temperatur schwankt dabei stark. Die Avocados durchleben Temperaturen von 6 bis 25 Grad Celsius. An den letzten zwei Tagen kühlen die Früchte deutlich ab. Der genaue Prozess hängt von der Firma ab, nicht zuletzt auch vom Gespür des Reifemeisters.
Der gesamte Prozess, den die Avocado durchgeht, kostet auch in Europa massiv Energie und sorgt für einen hohen Stromverbrauch und CO²-Fußabdruck.

Die Avocado im CO²-Fußabdruck-Vergleich

Wie schlecht die Avocado mit ihrem CO²-Fußabdruck tatsächlich ausfällt, fällt sehr stark im Vergleich mit anderen Früchten auf. Bananen müssen ebenfalls aus wärmeren Regionen importiert werden, haben aber nur 480 Gramm CO²-Fußabdruck pro Kilo. Ein Kilo Avocados kommt auf circa 2,4 Kilo CO². Damit ist die Butterfrucht um fünf Mal umweltschädlicher als eine Südfrucht, die in der Regel zehntausende Kilometer weit zum Endverbraucher transportiert wird.

Vergleicht man die Avocado mit heimischem Obst, fällt der Vergleich noch krasser aus. Ein Kilogramm heimischer Äpfel lassen sich mit etwa 130 Gramm CO² beziffern. Kauft man sie aus Übersee, kommt man circa auf einen CO²-Fußabdruck von 160 Gramm. Selbst man zum Beispiel aus Argentinien importierte Äpfel kauft, entscheidet man sich immer noch für 15 Mal mehr klimafreundliches Obst als beim Kauf von Avocados.

Exorbitanter Wasserverbrauch für das neue Super-Food ernährungsbewusster Menschen

Nicht zu unterschätzen ist der enorme Wasserbedarf der Avocadobäume. Besonders in großen Farmen findet man Avocado-Plantagen vor, die auf große Bewässerungssysteme zurückgreifen. Sie bewässern die Bäume zwar effizient, aber auch sehr großzügig, um den Ertrag des Baums zu maximieren. In Zahlen ausgedrückt benötigt ein einziges Kilo Avocado etwa 1.000 Liter Wasser.

Das wäre in einem Land mit exzellenter Wasserversorgung und -aufbereitung grundsätzlich kein Problem. Viele Regionen in Südafrika, Peru, Kenia oder in der Dominikanischen Republik sind jedoch wirklich von Wassermangel betroffen. Die Folgen des massiven Wasserverbrauchs müssen in diesen Ländern dann zumeist aber nicht die Großbauern tragen, sondern kleine Landwirtschaftsbetriebe und die lokale mittlere und untere Schicht.

Nicht nur die Wassermenge schwindet, sondern auch die Menge an sauberem Trinkwasser. In Ländern wie der Dominikanischen Republik, Mexiko oder Peru müssen viele Menschen auf einen eigenen Wasseranschluss verzichten. Weil Pestizide oft ohne Kontrolle durch die Behörden in hohen Mengen versprüht werden, beeinträchtigt das auch das Grundwasser der Anbaugebieten. Dadurch trinkt die lokale Bevölkerung oftmals die Giftstoffe der Pestizide mit, über die es aufgrund mangelnder Kontrolle kaum Informationen gibt.

Konsequenzen des Wasserverbrauchs treffen mittlere bis untere Bevölkerungsschichten

Illegale Waldrodungen als Folgeerscheinung des Avocado-Booms

Konsequenzen des Wasserverbrauchs treffen mittlere bis untere Bevölkerungsschichten

Gravierender werden die Probleme in der Wasserversorgung nicht zuletzt durch die klimatischen Veränderungen in der Region. Ausfallende Witterung werden immer häufiger zu einem großen Problem in Regionen, in denen ein großer Teil der Bevölkerung von kleinbäuerlichen Strukturen lebt. Dazu kommt, dass in besagten Ländern vielen Menschen schlichtweg der Wasseranschluss fehlt.

Der Aufstieg der Avocado-Farmen schneidet also oftmals genau den Bevökerungsschichten das Wasser ab, die schon vor dem Boom der Butterfrucht wenig davon hatten. Denn viele Bauern stiegen erst in den letzten Jahren auf die Avocados um. Stiegen Tomatenbauern zum Beispiel auf die boomende Frucht um, steigt der Wasserverbrauch pro Kilo von durchschnittlich 180 auf 1.000 Liter an. Die Vervielfachung eines Problems, das in Südafrika, Mexiko und anderen Nationen verheerende Auswirkungen mit sich bringt.

Illegale Waldrodungen als Folgeerscheinung des Avocado-Booms

Grobe Schätzungen gehen davon aus, dass alleine für den Avocado-Anbau ungefähr 1500 bis 4000 Hektar Wald illegal pro Jahr gerodet werden. Während große Agrarökonomen ihre Landflächen illegitim umwidmen und roden schauen die Behörden oft weg. Besonders stark passiert das in Mexiko. Hier werden große Flächen oft auch ohne Umwidmung einfach gerodet, um sie so schnell wie möglich für die Avocado-Produktion vorzubereiten. Zwar bemüht sich der mexikanische Staat in den vergangenen Jahren stärker, illegalen Avocado-Anbau zu stoppen. Tatsächlich ist das oftmals aber schwer möglich, weil mafiöse Strukturen und Bürgerwehren ganze Regionen Mexikos im Griff haben.

Die Konsequenzen für das Klima sind ein größerer CO²-Fußabdruck durch den Anbau und tausende Hektar Wald pro Jahr, die so kein CO² umwandeln können.

 

Avocado Toast
Avocado Smoothie mit einer halben Avocado
 Avocado-Genuss ohne Gewissensbisse: Ist das möglich?

 Kann man angesichts der ökologischen Konsequenzen noch Avocados genießen? Solange man sie in Maßen konsumiert, kann man das auf jeden Fall. Wichtig ist, beim Kauf auf folgende Aspekte zu achten:

  • Kennzeichnung mit dem EU-Bio-Siegel. Dadurch ist sicher, dass weder Kunstdünger, noch Pestizide verwendet wurden und ökologische Standards beim Anbau überprüft wurden.
  • Der Kauf von Avocados aus einem möglichst nahen Herkunftsland.
  • Der Kauf von Avocados aus einem Land mit möglichst hohen und überprüfbaren Umweltstandards. Das trifft zum Beispiel am ehesten auf Chile und die USA (Kalifornien) zu. Sie sind auf Platz Neun und Zehn in der Liste der größten Avocado-Produzenten weltweit.

Avocados sind ähnlich wie Jackfruits, Goji-Beeren oder Quinoa sehr populär durch ihre Eigenschaften als “Super-Foods”. Das sind die konzentrierten Vitamine, Mineralstoffe und etwa bei der Avocado ungesättigte Fettsäuren. Gibt es wirklich nur Früchte oder Gemüse aus Übersee, die einen großen CO²-Fußabdruck und riesigen Schadstoffausstoß verursachen? Mit Sicherheit nicht. Zweifellos muss Strom sparen und “Super-Foods” genießen kein Widerspruch sein. Denn tatsächlich sind viele Produkte aus der Region sehr reich an Nährstoffen, Antioxidantien und wahrhafte Vitaminbomben. Das ist natürlich weniger gut kommerziell verwertbar.

Typische Beispiele für Super-Food aus der Region sind:

  • Weizengras. Es beinhaltet Nährstoffe in hoher Konzentration und wird zumeist als Pulver verkauft. Das Super-Food wird auch in Deutschland angebaut. Strom sparen und auf die Umwelt achten ist bei diesem Super-Food praktisch schon inkludiert.
  • Schwarze Johannisbeeren und Preiselbeeren. Was als Beilage zum Cordon Bleu geringe Beachtung erhält, kann tatsächlich starke gesundheitliche Vorteile vorweisen. Dunkle Beeren wie Brombeeren oder Heidelbeeren haben sehr hohe Mengen an sekundären Pflanzenstoffen. Sie wirken sich sehr positiv auf die Gesundheit aus und können sogar den Alterungsprozess verlangsamen.

  • Leinsamen. Sie sind günstiger als Chia- und Quinoasamen, haben ebenfalls jede Menge “Super-Food”-Qualitäten und können von umweltbewussten Konsumenten bedenkenlos gekauft werden. Tatsächlich enthalten sie Ballaststoffe, Alpha-Linolensäure und Omega 3-Fettsäuren in großen Mengen.

  • Kresse. Das ist die Öko-Variante zu den Moringa-Blättern, die auch noch wesentlich teurer sind. Die Kresse kann unkompliziert in den Mixer gemischt, oder anderweitig verarbeitet werden. Sie enthält sehr viel Kalzium und Kalium.

Die Liste an Super-Foods könnte lange weitergeführt werden. Alleine in Mitteleuropa finden sich über 100 Gemüse- und Obstarten, die sich wiederum in zahllose Sorten aufspalten. Gerade deshalb findet man alle Mikro- und Makronährstoffe in einer ausgewogenen Ernährung wieder. Achtet man zum Beispiel noch etwas auf ausreichend Obst und Gemüse mit bestimmten Nährstoffen, zum Beispiel Leinsamen durch ihre Alpha-Linolensäure, kann man teure Super-Foods mit großem CO²-Fußabdruck bedenkenlos von der Speisekarte streichen.

 

Fazit

Der alternativ-umweltbewusste Anstrich der Avocado als Lifestyle- und Gesundheits-Genussmittel ist längst überfällig. Die ökologischen Konsequenzen des massiven Avocado-Booms in den westlichen Industrienationen verdienen mehr Aufmerksamkeit, als sie es derzeit erhalten. Dennoch ist der gelegentliche Konsum von Avocados nichts verwerfliches. Als umwelt- und klimabewusster Mensch sollte man sich jedoch am besten für Früchte mit EU-Bio-Gütesiegel entscheiden, die aus einem möglichst nahem Anbaugebiet stammen.

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