Kernenergie in Österreich

Die Geschichte und Gegenwart der 2. Republik im Umgang mit Atomkraft?

Kernreaktoren und Österreich sind ein Widerspruch in sich, lautet die Meinung vieler Menschen. Zwar hat die Alpenrepublik keine eigenen Reaktoren, mit denen geheizt und Strom produziert wird, das Thema Atomkraft berührt sie trotzdem allemal. Das fängt bei den Bemühungen, österreichische Kernkraft durch den Bau des AKWs Zwentendorfs in Schwung zu bringen an, hört aber (leider) nicht in der Vergangenheit auf. Die österreichische Geschichte der Kernspaltung und welche Rolle sie heute in der rot-weiß-roten Gesellschaft spielt, sind deswegen zwei untrennbar verknüpfte Aspekte der österreichischen Identität und des Sicherheitsempfindens.

Atomenergie in ihren Kinderschuhen

Dass bei radioaktivem Zerfall Energie freigesetzt wird, wurde bereits 1899 vom deutschen Physiker Hans Geitel entdeckt. Während des Zweiten Weltkriegs betätigten sich deutsche Wissenschaftler bei Brandenburg an der Kernforschung, die USA brachte mit dem Manhattan-Projekt, der Fertigstellung und dem Abwurf von zwei Atombomben über Nagasaki und Hiroshima, die unheimliche Macht der Kernenergie in seiner abschreckendsten Form zur Geltung. Doch als die militärische Nutzung mit August 1945 in ein heimliches Aufrüsten gegen die Sowjetunion überging, rückten zivile Nutzen wieder in den Vordergrund.

In Europa blieben die riesigen Fortschritte in der Atomforschung nicht unbemerkt. Es dauerte jedoch bis zum Jahr 1961, dass in Deutschland Atomstrom zum ersten Mal ins Netz eingespeist wurde. Während in den zwei Jahrzehnten danach zahlreiche Reaktoren zur Energieversorgung der Bevölkerung in West- und Ostdeutschland gebaut wurden, wuchs zugleich die Kritik und Skepsis an der bisher unbekannten Form der Energiegewinnung.

Erstes Vorstoßen und frühes Scheitern der Atomkraftbefürworter Österreichs

Die Befürworter der Atomkraft in Österreich starteten optimistisch. Die gesamte Parteienlandschaft befürwortete den Einstieg in die atomare Energieerzeugung. Besonders die SPÖ strebte die neue Form der Energiegewinnung an. 1976 waren deshalb drei Atomkraftwerke in Planung, die eine Gesamtleistung von 3.300 MW liefern sollten - jeweils ein AKW in Zwentendorf, St. Pantaleon-Erla und in St. Andrä in Kärnten. Die Bauarbeiten fingen 1971 an und kosteten etwa 5,2 Milliarden Schilling - das entspricht einer heutigen Kaufkraft von circa 1,6 Milliarden Euro.

In der Zwischenzeit wuchs die Zahl der Protestierenden und Kritiker in der Gesellschaft stark an. Während besonders die grüne und linke Szene das Projekt von Anfang an kritisierten, erreichte die Skepsis und Ablehnung zunehmend die Mitte der Gesellschaft. Bei Fertigstellung der Anlage wog sich insbesondere die Bevölkerung in Zwentendorf auf - mit Sprechchören, Demonstrationen, sogar durch nachts durchgeschnittene Strommasten nahe des AKWs. Was anfangs als erfolgversprechende Maßnahme begann, schien nun Gefahrenpotenzial für die Verursacher zu beinhalten.

Um Kritikern entgegentreten zu können, wagte SPÖ-Chef Bruno Kreisky die Zerreißprobe: Mit einer Volksabstimmung sollen Herr und Frau Österreicher gefragt werden, ob das AKW auch tatsächlich in Verwendung gehen sollte. Kreisky, der von einem überlegenen Sieg für die Verwendung des AKWs ausgegangen ist, realisierte, dass es eine enge Entscheidung werden würde. Um die Stimmung eindeutig für die Verwendung des Kraftwerks umzuschwenken, verkündete der Politiker mit enormer Popularität, dass er bei einer Absage zurücktreten werde. Genau das befeuerte aber die ÖVP, auf ein Nein zum AKW Zwentendorf zu setzen. Kreisky-Gegner, Grüne, Alternative und eine große Anzahl an Atomskeptikern und -kritikern schafften so eine hauchdünne Mehrheit von 50,47 Prozent bei einer Wahlbeteiligung von 64,1 Prozent.

Internationale Schlagzeilen bei anschließend leisem Abklang

Was von Atomkraftgegnern als großen Erfolg gefeiert wurde, sorgte international für amüsierte Kommentare und Häme. Das plötzlich international bekannte Atomkraftwerk verursachte angesichts Ausgaben von mehr als 5 Milliarden Schilling starke Verwunderung. Gerade weil es sich um einen so enorm hohen Betrag handelt, versuchten Bund und Länder das AKW verspätet in Betrieb zu setzen - Durch die Inbetriebhaltung fielen erneut insgesamt 600 Millionen Schilling an. Mit März 1985 wurden die Bemühungen eingestellt und die “stille Liquidierung” des AKWs durchgeführt. Mit dem Reaktorunfall in Tschernobyl im darauffolgenden Jahr wandelten sich praktisch alle früheren Atomkraftbefürworter zu einer ablehnenden Haltung gegenüber Kernenergie in Österreich.

Ein Österreich nach 1985 - Eine überzeugte Anti-Atomkraftnation

Spätestens nach dem Reaktorunfall in der Ukraine herrscht ein allgemeiner Konsens zur Atomkraft in der Alpenrepublik. Das wurde auch gesetzlich verankert. Seit 1978 verbietet das Atomsperrgesetz die Nutzung von Kernenergie und den Bau von Atomkraftanlagen. Zusätzlich schaffte 1999 das “Bundesverfassungsgesetz für ein atomfreies Österreich” eine Ausweitung des Kernkraftverbots. So dürfen in Österreich etwa keine atomaren Waffen aufbewahrt oder produziert werden, spaltbares Material darf in Österreich weder transportiert noch gelagert werden, außer es dient friedlichen Zwecken, abgesehen von der Energiegewinnung (z.B. Forschung).

Gibt es in Österreich nun gar keine Kernreaktoren mehr?

Die Antwort ist nein, es gibt noch Atomkraftwerke im Lande. Konkret existiert noch ein einziger Reaktor, der für Forschungszwecke verwendet wird. Er steht in Wien und produziert nur sehr geringe Strommengen. Der Reaktor bietet Führungen für Interessierte an, gleichzeitig forscht und übt ein Team an Wissenschaftlern im Gebäude. Die Brennstäbe des TRIGA-Reaktors werden in den USA produziert und nach Verbrauch wieder entgegengenommen. Der größte Vorteil des RIGA-Reaktors ist, dass er kaum Risiko für die Bevölkerung aufgrund seiner praktisch winzigen Größe bietet, gleichzeitig kann Österreich so Wissenschaftlern und Forschern im Bereich Kernkraft und Radioaktivität eine moderne und realistische Atomkraftanlage für Übungen und Tests bieten.

Atomunfälle - Warum sie und dennoch direkt betreffen können

Österreich selbst hat zwar keine Kernreaktoren zur Energiegewinnung - seine Nachbarstaaten hingegen dafür in zum Teil hoher Zahl. Etwa 14 Anlagen liegen zwischen 40 und 200 Kilometer von der österreichischen Staatsgrenze entfernt. Der Reaktor ‘Isar’ in Deutschland etwa befindet sich gerade einmal 70 Kilometer von österreichischem Staatsgebiet entfernt. Das 100 Kilometer entfernte Atomkraftwerk Grundremmingen in der Nähe des deutschen Günzburgs wurde in einer Untersuchung als nicht erdbebensicher eingestuft. Es kam bereits zu zahlreichen Zwischenfällen in der 51 Jahre alten Anlage.

Anlagen im tschechischen Temelin und Dukovany, 40 und 65 Kilometer von Österreich entfernt, sind Reaktoren, die aufgrund ihrer Größe und Grenznähe für Österreich sehr gefährlich werden könnten. Auch die Slowakei hat zwei Atomkraftwerke nahe der Grenze, Ungarn und Slowenien jeweils eines. Dabei umfasst der Standort Paks in Ungarn ganze vier Reaktoren an einem Ort. Auf Schweizer Territorium befinden sich vier Atomreaktoren zwischen 110 und 175 Kilometern von Österreich entfernt.

Zeichen für Kernkraft

Hat Europa eine Zukunft ohne Atomenergie?

Natürlich gibt es auch in den Nachbarstaaten Kritik an Atomkraftwerken. Sie ist allerdings bei weitem nicht so stark wie in der Alpenrepublik selbst. Während Deutschland allerdings plant, mit 2022 aus der Atomenergie auszusteigen und auch die Schweizer Eidgenossen langfristig planen, der Kernenergie Lebewohl zu sagen, haben andere europäische Nationen keinerlei Intentionen, die Kernenergienutzung zu reduzieren. Etwa in Temelin stehen vier Reaktoren, die erst 2002 kommerziell in Betrieb genommen wurden. Pläne, weitere Anlagen im gleichen Ort zu bauen waren bereits vorhanden, wurden letztlich wieder verworfen. Insbesondere in Osteuropa ist die Sensibilität gegenüber Atomstrom wesentlich geringer als im Westen, hier tritt eine Trendwende Richtung atomfreien Strom viel langsamer und zögerlicher ein. Weil einige grenznahe Reaktoren allerdings durch ihren technologischen Standard nur noch bedingt wirtschaftlich sind, könnte sich ihre Zahl ebenfalls reduzieren.

Bedingt positive Aussichten

Man kann also vorsichtig prognostizieren, dass Österreich in Zukunft nur zum Teil weniger Risiko ausgesetzt sein wird. Kraftwerke wie Gundremmingen, Neckarwestheim, Leibstadt und Beznau in Deutschland und der Schweiz werden voraussichtlich in den nächsten Dekaden ihre Pforten schließen. Auf der anderen Seite gibt es etwa in Tschechien oder der Slowakei keine Intentionen, die Zahl der Atomkraftwerke zu reduzieren oder gar ganz auszusteigen. Das Gegenteil ist der Fall: Trotz international bekannter Katastrophen wie Fukushima, bestätigten die Sprecher der Länder, auch weiterhin auf die Energiegewinnung durch Kernspaltung zu setzen.

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